Tagebuch Etappen 20 - 21

Nur noch 2 Etappen liegen vor uns! Das Finale wird mit einem 54 km langen Einzelzeitfahren eingeleutet, wo es sicher noch Veränderungen geben wird in den Top 10. Am Sonntag wird dann der Gesamtführende nicht mehr angegriffen, laut dem ungeschriebenen Gesetz. Aber es geht noch um den prestigeträchtigen Sie auf der Champs-Elysées!

Roger Kluge

26.7.14   Etappe 20 Bergerac - Perigueux 54 km Einzelzeitfahren

Und wir hatten alle Glück! Ich denke die Wetterbedingungen waren für alle fast gleich. Zumindest ist jeder im trockenen gefahren. Als ich kurz vor 10 Uhr los bin zum Start, war es zwar noch bewölkt und der eine oder andere Tropfen kam runter, aber am Startort selbst war es trocken und es kam nach und nach die Sonne durch. Den einzigen Vorteil, den ich vielleicht noch gehabt hätte, bei etwas kühlerenden Temperaturen warmzufahren, nutzte ich nicht. Bei mir ging es ja nicht um den Sieg, sondern um das Ankommen. Nebenbei sind 54 km ja schon lang genug. Da wird man von alleine warm während des Rennens. Ich zog mich also um, nahm mir noch ein Gel mit und rollte zum Start vor. Klar tun die ersten Meter dann immer ein wenig weh, aber nach schon 2-3 km hatte ich einen Rhythmus, den ich dann bis zum Ziel durch fuhr. Der lag irgendwo in der Mitte zwischen Vollgas und Minimum. So fuhr ich einsam und allein die ganze Strecke. Ich holte niemanden ein, wurde aber auch nicht eingeholt. Ganz allein war ich natürlich doch wieder nicht, da viele Leute an Strecke waren, die auch ordentlich Stimmung machten und jeden anfeuerten. Da ich vorher wusste, das nach so einer Distanz in der Aeroposition sicher mein linker Gesäßmuskel verdammt fest sein würde, entschloss ich mich hinterm Auto zurück zum Start zu fahren. Die ersten 10 km noch locker in meinem Tempo, dann ca. 36 km in 37 Minuten, und nochmal 5 Minuten easy bis zum Bus. Beziehungsweise bis ins "Village", denn ich war richtig hungrig, und genoss zuerst ein paar französische Spezialitäten, sah mir den Start von Tony an, und fuhr dann zurück zum Bus. Später ging es zurück ins Hotel, ich bekam noch eine letzte Massage von meinem australischen Physio Tom und dann hieß es Koffer packen! Den mussten wir heute nämlich schon abgeben, da das Personal von uns schon heute Abend mit dem Auto zum Start von morgen fährt, und wir morgen früh dann fliegen und direkt zum Start anreisen...

27.7.14   Etappe 21 Evry - Paris 137,5 km

Die letzte Etappe! Es ist vollbracht! Ich bin tatsächlich in Paris angekommen! Aber es war noch mal ein langer Tag bis zum Zielstrich... Wir wurden um 10 Uhr mit einem Bus der Organisation vom Hotel abgeholt und sind zum nächsten kleinen Flughafen nach Bergerac gebracht worden. Dort warteten 3 Flugzeuge auf das Fahrerfeld, welche uns anschließend nach Orly flogen, dem zweiten großen Flughafen im Süden von Paris. Der Flug dauerte ewig für recht kurze Strecke, fast 1,5 Stunden. Dort standen wieder mehrere Busse bereit, um uns zum Start zu bringen. Dies geschah zwar mit einer Polizeieskorte, aber wir sind dann auch nur mit 40 km/h über die Stadtautobahn geschlichen. Es war sehr eng im Bus und wir hatten auch nur noch ca. 1 Stunde bis zum Start, als wir losfuhren. Ich bin echt sauer geworden, weil wir so langsam gefahren sind, ohne Grund! Weil wenn ich etwas nicht leiden kann, dann wenig Zeit vor dem Start! Es sei denn ich bin selber dran schuld ;-) Und dann hatten wir wirklich nur noch 30 Minuten, als wir endlich bei unserem Bus waren. Wir waren 4,5h unterwegs... Der Transfer von Orly zum Start hätte mit den Teambussen stattfinden sollen. Dann wäre mehr Zeit gewesen, um noch mal etwas kleines zu essen vor dem Start, die Nummer ein letztes Mal ans Trikot zu machen, die Besprechung schon abzuhalten und eben auch für den traditionellen Gang zur Toilette. Und eingeschrieben haben müssen wir uns ja auch bis 10 Min. vor dem Start! Es war stressig, aber schließlich habe auch ich es geschafft. Es hätte die lockerste Etappe werden können in 3 Wochen, zumindest in den ersten 2 Rennstunden, aber ich hatte mal wieder arge Sitzprobleme. Ich hatte vor dem Start zwar schon Creme aufgetragen, musste aber im Rennen den Tour-Doktor auch noch mal fragen. Je näher wir den Zielrunden kamen, um so höher wurde auch das Tempo. Nach der ersten Zieldurchfahrt - das Feld wurde angeführt von Astana mit Nibali im Gelben Trikot - wurde die Etappe quasi erneut gestartet und die ersten Attacken hinauf zum Arc de Triomphe folgten. Gleichzeitig kamen uns die Kampfjets, wie auch schon bei Start vor der Königlichen Familie in England, entgegen, rauschten über unsere Helme hinweg und malten die Tricolore an den Himmel - das war Gänsehaut-Feeling pur!!! Ich hielt mich die folgenden 6 Runden meist am Ende des Feldes auf, genoss die Atmosphäre und hielt Ausschau nach meinem Freund Penny, der mit einem Kumpel und einer Deutschen Flagge irgendwo 300m nach dem Ziel am Straßenrand stand. Ich konnte ihn aber nicht finden in den Massen. In der vorletzten Runde arbeitete ich mich dann langsam nach vorne. Das Tempo war unglaublich hoch, und so schön die Prachtstraße, die  Avenue des Champs-Élysées, auch sein mag, es macht echt kein Spaß sie mit 60-70 km/h auf dem Rennrad auf und ab zu fahren! In der letzten Runde war ich war ich am Arc de Triomphe in den Top 30, habe es dann aber nicht geschafft mich bis zur nächsten Kurve noch weiter vorzuarbeiten. Auf den letzten 2,8km war dann alles so langgezogen, das ich Mühe hatte noch nach vorne zu kommen. Auf den letzten 1,5km gingen dann schon Löcher vor mir auf, und ich versuchte nur noch den Anschluss zu halten. Schließlich kam auf dem 21. Platz, mit 6 Sekunden Rückstand wegen der Löcher, auf Etappensieger Marcel Kittel ins Ziel. Ich hatte mich echt gut gefühlt, und mit einer besseren Position auf den letzten 3km wäre evtl. auch ein Platz unter den besten 10 möglich gewesen. Aber ich war dennoch sehr glücklich, in Paris angekommen zu sein! Und es war ja hoffentlich noch nicht meine letzte Tour... Am Bus wartete dann meine Freundin, auf die ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte, wie auch mein Freund Penny und natürlich das ganze Team. Es wurde Champagner getrunken, jeder umarmte sich mit jedem, und dann ging es noch auf eine letzte Ehrenrunde, die Champs-Élysées einmal noch rauf und wieder runter. Mittlerweile wurde es auch dunkel. Wir fuhren ins Hotel, duschten uns und machten uns fertig für die Nacht. Es folgte nämlich noch ein Abendessen mit dem Team, wo dann noch mal alle zusammenkamen, und die letzten 4 Wochen Revue passieren ließen. Es wurde bis spät in die Nacht gefeiert...

Kommentar schreiben



(Ihre E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt.)


Ungültiger Sicherheitscode

Bitte klicken Sie das Bild an, um einen neuen Sicherheitscode zu laden.