Die Klassiker-Wochen!

Von Mailand-Sanremo bis Paris-Roubaix...

Roger Kluge

Die Klassiker...

Eröffnet wird die wichtigste Phase in einer Radsport-Saison - neben den drei großen Landesrundfahrten - mit dem ersten von fünf Monumenten, Mailand-Sanremo. Nach den letzten 2 Ausgaben hofften die meisten Fahrer endlich wieder ein schönes Sanremo zu haben, sprich ohne Schnee (2013) und nicht im Dauerregen bei unter 10 Grad (2014)! Wir wurden nur zu 50 Prozent erhört vom Wettergott. Es war zwar einen Tick wärmer als letztes Jahr, aber geregnet hat es dennoch wieder am Start. Und das auch, nach kurzzeitiger Trockenphase, dauerhaft bis wir nach Halbzeit an der Küste angekommen waren. Dort schien die Sonne und es wurde immer schöner bis ins Ziel. Meine Aufgabe war es, wie auch schon im letzten Jahr, unser Team in vorderster Position in die Cipressa reinzufahren. Mein Knie hatte zwar in der ersten Hälfte noch gezwickt, aber letztendlich konnte ich meinen Job erledigen. Im Vorjahr war mir das nicht gelungen. Ich musste wieder richtig beißen über die drei Copa's vor der Cipressa, verlor auch wieder den Kontakt zum Hauptfeld, konnte mich aber rechtzeitig zurückkämpfen und war dann 1km bevor es in den Berg ging auch an erster Stelle vom Feld. Das war besser als letztes Jahr, aber dann wiederum doch ein Tick zu zeitig vorn. Naja, so sammle ich eben auch jedes Jahr neue Erfahrungen! Nächstes Jahr mache ich es besser. Da ich letztes Jahr meinen Flug verpasst hatte, nachdem ich das Rennen abgehangen noch zuende gefahren bin, entschloss ich mich dieses Jahr das Rennen vorzeitig zu verlassen und ohne die Berge (Cipressa und Poggio) an der Küste auf dem Radweg ins Ziel zu fahren. Den ersten Flug von Nizza nach Zürich bekam ich. Durch Verspätung aber nicht mehr meinen Anschlussflug nach Berlin. Somit war ich doch erst wieder am Montag zu Hause. Dann kann ich nächstes Jahr auch wieder durchfahren ;-)

Die flämischen Klassiker

Nach drei Tagen Erholung ging es am Donnerstag zu den nächsten Rennen, dieses mal nach Belgien. Am Freitag stand der E3 Prijs/Harelbeke auf dem Programm, gefolgt von Gent-Wevelgem am Sonntag. Beides Rennen der WorldTour-Kategorie. In den beiden Rennen hieß es wieder die Kapitäne Chavanel und Haussler so lange wie möglich beiseite zu stehen. Beim E3 Prijs gelang mir das auch besser als noch im letzten Jahr. Nach dem ich meinen Job erledigt hatte und abgehangen wurde, verließ ich wieder die Rennstrecke und fuhr die kürzeste Strecke zurück zum Ziel, um einfach ein paar Körner zu sparen, die ich vielleicht bei Gent-Wevelgem gebrauchen könnte.

Es sieht nicht immer schön aus, wenn man ein Rennen nicht beendet und somit ein DNF vor seinem Namen im Ergebnis zu stehen hat. In einigen Fällen heißt das aber nicht, dass man zu schlecht war oder gestürzt ist und deswegen nicht zu Ende fahren konnte, sondern das man eben aus einer guten Absicht heraus ausgestiegen ist. Wie bei meinen Teilnahmen zuvor, hatte ich mich auch dieses mal wieder auf G-W gefreut, da ich weiß, dass es für mich möglich ist in der ersten Gruppe anzukommen. Die diesjährige Ausgabe wurde aber so sehr vom Wind geprägt, dass es an der Grenze des machbaren war. Wir hatten Windgeschwindigkeiten bis zu 80km/h und das auch noch im Dauerregen!! Da macht Radfahren nicht nur keinen Spaß mehr, sondern es ist dazu auch noch sehr gefährlich. Meine Motivation und Risikobereitschaft hielt sich dementsprechend sehr zurück. Ich fuhr mehr oder weniger das ganze Rennen am Ende des Feldes. Das kostete aber so viel Kraft, dass ich, bevor es überhaupt los ging, schon am Ende meiner Kräfte war. Ich verließ das Rennen schon nach 120km und fuhr mit einer kleineren Gruppe zurück zum Ziel, welches aber immer noch 60km weit weg war. Wenigstens hatte es dann doch noch aufgehört zu regnen, wodurch es nicht mehr so kalt war. Mit gemischten Gefühlen flog ich Montag früh nach Hause.

Es gab eine kleine Änderung zum letzten Jahr, als wir Mittwochabend angereist sind und Sonntagabend nach dem Rennen gleich zurück. Jetzt sind wir also nach dem Rennen entspannt zurück ins Hotel gefahren, haben noch eine Massage bekommen und ein qualitativ gutes Abendessen, um alles in allem eine bessere Erholung zu haben.

Donnerstag ging es für mich wieder nach Belgien für das 2. Monument, die Flandern Rundfahrt. Anschließend eine Stunde locker auf dem Rad, gefolgt von einer Massage. Freitag haben wir uns diverse Abschnitte von der Strecke angeschaut und Samstag nochmal eine lockere Einheit absolviert. Im Rennen hatte ich dann wieder die gleiche Aufgabe, wie im Jahr zuvor. Ich sollte die Jungs, wenn es das zweite Mal zum Kwaremont geht, ganz vorne reinfahren. Dies gelang mir dann um einiges besser als letztes Jahr, denn ich fuhr in der ersten Reihe in den Berg hinein. Meine Teamkollegen konnten zwar im Getümmel nicht direkt bei mir bleiben, waren aber dennoch nicht schlecht positioniert. Die Aktion hat mir aber auch soviel Körner gezogen, dass ich am Kwaremont sehr weit durch gereicht wurde. Am Paterberg verlor ich dann kurz den Anschluß zum Hauptfeld, konnte aber mit weiteren angehängten Fahrer kurz vor dem Koppenberg nochmals aufschließen. Danach war dann aber der Ofen aus! Ich blieb noch weitere 20km auf der Rennstrecke, hatte aber keine Kraft mehr, um mich noch bei einer angehangenen Gruppe festzubeißen und ins Ziel ziehen zu lassen. Also bin ich dann wieder auf dem kürzesten Weg ins Ziel gefahren, das nächste DNF. Zwecks Roubaix wäre ich schon gerne die volle Distanz gefahren, aber auch so kam ich am Ende auf 240km! Als Team sind wir aber den ganzen Tag wirklich stark gefahren, und so sprang für uns mit Martin Elmiger sogar ein sehr guter Platz 10 heraus.

Paris-Roubaix, die Königin der Klassiker!

Wie auch schon eine Woche zuvor sind wir am Donnerstag angereist. Allerdings bin ich nicht nach Paris geflogen, sondern auch wieder nach Brüssel. Für den Recon am Freitag waren wir noch eine Nacht in einem Hotel nahe der Belgischen Grenzen geblieben. Die ersten Zehn Kopfsteinpflasterpassagen sind wir noch im Auto abgefahren. Wir sind also erfreulicherweise erst nach dem Wald von Arenberg auf unsere Räder gestiegen! Reicht auch, wenn man da einmal rüber fahren muss im Jahr. Allerdings sind wir dann noch bis zum viertletzten gefahren, dem Carrefour de l'Arbre. Von da aus ging es dann direkt weiter ins Hotel, wo wir auch schon letztes Jahr waren. Ok, Schloss trifft es eher! :) Wirklich ein nettes Anwesen mit eigenem Golfplatz. Die Teams Cannondale - Garmin, Tinkoff - Saxo und Sky gastierten ebenfalls dort. Das Essen war natürlich auch hervorragend! Am nächsten Tag haben wir ein wenig unterschiedlich trainiert. Die einen wollten nur locker rollen, Saramontins, Brändle und ich sind aber eine Stunde Motor hinterm Auto gefahren. Danach gab es noch eine Massage und dann ging es zur Teampräsentation, die traditionell einen Tag vorher stattfindet. Sonntag morgen hat um 7 Uhr der Wecker geklingelt und es wurden ein letztes Mal die Speicher, mit überwiegend Kohlenhydraten, gefüllt. Guter Dinge und mit guten Beinen nahm ich meine bereits 6. Teilnahme bei Paris-Roubaix in Angriff. Für mich hieß es ein weiteres Mal, für unsere drei Kapitäne, Elmiger, Haussler und Chavanel da zu sein, wenn sie mich brauchen! Ich sollte zwar auch bei einer möglichen Gruppe mitspringen, aber das erst nach 50km. Die Gruppe des Tages ging etwa bei 40km. Wir waren mit Aleksejs Saramotins gut vertreten, der, wie sich später herausstellte, sogar richtig weit kam. Schließlich sprang ich für Martin das erste Mal in die Bresche, als wir hinter einem Sturz auf einem der ersten Sektoren aufgehalten wurden und ein nicht unerhebliches Loch zum Feld wieder schließen mussten. Er sparte in meinem Windschatten wichtige Körner, die er später im Finale dann bitter nötig hatte. Er war nämlich wieder unser bester Mann, spurtete am Ende um den Sieg mit und landete schließlich auf einem hervorragenden 5. Platz. Ich selber hatte zum fünften Mal infolge kein Glück und bekam zum wiederholten Male in dem berühmt berüchtigten Wald von Arenberg vorne Platten. Ich bekam zwar recht schnell ein neues Vorderrad, musste aber dennoch wieder die Lücke zum Feld schließlich, was eine Menge Kraft gekostet hatte. Die geschlossenen Bahnschranken verkürzten zwar die Zeit, aber als ich zurück im Feld war, wusste ich, daß ich nicht mehr so lange dabei sein würde. Wenig später bekam dann Heino hinten Platten und ich hielt mit ihm an und gab ihn mein Hinterrad, damit er nicht ganz so viel Zeit einbüßt. Leider musste er einen Sektor später nochmals wegen Defekt anhalten und das Rad wechseln, was auch für ihn das Ende auf ein gutes Resultat bedeutete. Er wurde zwei Tage vorher Vater und war super motiviert, aber in Roubaix braucht man eben auch immer das Glück auf seiner Seite!! Ich bekam auch noch ein neues Hinterrad von meinem Team, aber fuhr von da an die letzten 50-60km meistens alleine oder in einer kleinen Gruppe in Richtung Ziel. Ich hätte zwar bei der 2. Verpflegung ins Auto steigen können, aber ich wollte meine Klassikersaison nicht mit einem weiteren DNF beenden. Außerdem wartete meine Freundin im Velodrom mit großer Deutschland-Fahne auf mich. Da konnte ich es mir nicht erlauben nicht ins Ziel zu fahren!! ;-) Sie hatte mich zwar ein wenig früher erwartet, da sie mich am Anfang vom Wald von Arenberg schon das erste Mal gesehen hatte, wo ich dazu noch unter den ersten 40 Platziert war, aber von dem Platten am Ende konnte sie nichts wissen. Und so rollte ich letztendlich mit 13 Minuten Rückstand auf Platz 90 über die Ziellinie. Gefreut habe ich mich dennoch, als ich die einzige deutsche Fahne im ganzen Radstadion entdeckt hatte! Aleksejs wurde übrigens als einer der letzten aus der Spitzengruppe erst gut 20km vor dem Ziel geschluckt und kam dann mit der zweiten Gruppe auf Platz 13 ins Ziel, was für ihn auch ein super Ergebnis war!! Vielleicht versuche ich in Zukunft doch mal in die Gruppe von Anfang an zu gehen. Man weiß ja nie...